Weibszeug

Ursprünglich veröffentlicht bei den Consulting Nerd Girls.

Eigentlich sollte es mich nicht verwundern, geschweige denn erschrecken, dass nach dem Amoklauf eines jungen Mannes in Amerika, der sieben Menschen tötete, weil er Frauen hasst – bzw. die Frauen, die ihn nicht wollen – alter Blödsinn wieder neu aufgewärmt und mit viel Kopfgenicke und Zustimmung erneut verbreitet wird. Aber wenn ich sehe, wieviele Leute bei solchen Artikeln von 2010 zustimmend „Genau!“ rufen, wird mir ganz anders. Und wenn ich dann noch sehe, dass Wolfgang Bergmann, der Autor, Erziehungswissenschaftler und Familientherapeut ist, wird mir richtiggehend schlecht.


Dabei sollte man meinen, dass aufgeklärte, intelligente Menschen schon bei der Überschrift wenn nicht zusammenzucken, dann doch mindestens irritiert die Augenbrauen zusammenziehen. Unter der Kategorie „weibliche Pädagogik“ einsortiert, ruft uns der Artikel zu: „Jungs von heute – verweichlicht und verweiblicht“. Im Artikel selbst geht es dann in schön polemischer Form um den kleinen Johannes, der doch eigentlich nur der kleine Rabauke sein möchte, wie es nunmal Jungs sein wollen und den doch die sanft-unverständlichen Erzieherinnen und die zärtlich Druck machende Mutter einfach nicht Junge sein lassen. In der Welt, die Bergmann da konstruiert, gibt es Vaterfiguren nur im Hintergrund (die dort aber natürlich stark sind) und „durchgreifende“, auch mal laut werdende Hausmeister wurden abgeschafft, deren Gebrüll „Kindern wie Johannes […] besser gefallen [hat], obwohl sie natürlich auch vor der lauten Männerstimme Angst hatten.“ In dieser weichgespülten, weiblichen Welt, in der in Bergmanns Sicht Kinder aufwachsen, gibt es von Erzieherinnen (und natürlich nur von Erzieherinnen, Erzieher gibt es nicht) nur „hilfloses“, sanft lächelndes, tadelndes Kopfschütteln und stetige Ermahnungen zum Ruhigsein, Morgenkreise und Vergleiche. Dort gibt es keine Rabaukenmädchen, nein, diese sind natürlich immer den Erzieherinnen und Lehrerinnen gefällig und wollen auch immer brav und still „im Kreis [sitzen] und […] ein Lied [summen] und schneiden dabei Buchstaben aus, ganz vorsichtig, mit Kinderscheren.“ Jungs sind in diesem Szenario durchweg die Verlierer und Opfer. Diejenigen, die sie einsperren und Leistungsdruck aufbauen, vergleichen und ihnen stets das Gefühl geben, alles falsch zu machen, sind durchweg Frauen: Erzieherinnen, Lehrerinnen und Mütter. Mädchen hingegen werden fast gar nicht erwähnt und wenn, nur im Vergleich zu den armen Jungs, als brave, stille, lernwillige, vorbildliche Abziehbilder.
Das gesamte Szenario ist geprägt von Kommunikationslosigkeit. Arme Jungs, die sich nicht ausdrücken können, unverständige Frauen, die sie eigentlich nur ruhig halten wollen, obwohl „[Mutter und Sohn] [auch] zu Hause […] ununterbrochen zusammen“ sind. Aber diese Kommunikationslosigkeit in solchen Welten bezieht sich nicht nur auf weibliche Erwachsene, die kleine Rabaukenjungs nicht verstehen können, sie bezieht sich auch auf Frauen, die die starken, deutlichen Männer nicht verstehen können. Da schütteln die Lehrerinnen „heimlich den Kopf“ über den eingeladenen Tischler, der eigentlich […] ununterbrochen Befehle wie „Der Nagel gehört hierhin, du musst aufpassen, Junge“ [gab].“ Männer sind diejenigen, die die Lego-Flugzeuge bauen, die Tischler sind, die mit ihren Händen arbeiten und basteln und einfach mal machen. Frauen sind die Aufseher, die permanent nur zurechtweisen, sanft natürlich.
Ich weiß nicht, in welcher Welt Bergmann lebt, in meiner ist es sicherlich nicht. Ich würde sogar so weit gehen und sagen, dass er nicht in der realen Welt lebt. Das Schlimme ist aber, dass Leute wie er durch solche Artikel diese Welt, in der Männer und Frauen so grundverschieden sind, dass keinerlei Kommunikation möglich ist, in die Köpfe der Menschen drückt, so dass sie zur normierten Denkweise wird. Wenn man nur oft genug gelesen und gehört hat, dass Frauen Männer nicht verstehen können und umgekehrt, glaubt man es irgendwann und gibt schon den Versuch auf, eine kommunikative Ebene zu finden.
Doch es ist nicht nur diese propagierte Unmöglichkeit der Kommunikation, die mich schaudern lässt, es ist auch die selbstverständliche Gleichsetzung von weiblich konnotierten Attributen mit Schädlichkeit. „Verweichlicht und verweiblicht“ wird direkt in der Überschrift geschrieben und eindeutig nicht nur miteinander gleichgesetzt, sondern auch negativ konnotiert. Dieser Ansatz setzt sich konsequent weiter fort: alles, das als „weiblich“ gilt (Konzentration, Kreativität, Fleiß, Sanftheit, Weichheit, Zurückhaltung, Harmonie) wird klar als nicht nur schlecht, sondern sogar „schädlich“ für Jungs gesetzt. Das ist etwas, das in unserer Gesellschaft schon lange gang und gäbe ist. Eigenschaften werden aufgeteilt und einem Geschlecht zugeordnet. Empathie, Wärme, Einfühlungsvermögen und Sensibilität sind weiblich, während Arroganz, Dominanz, Härte, Leistung, Durchsetzungsvermögen und Kraft männlich sind. Und auch wenn viele der „weiblichen“ Eigenschaften eigentlich positiv besetzt sind, werden sie doch in unserer Gesellschaft nicht gewürdigt und oftmals sogar als hinderlich gesehen – zumindest, wenn es um Berufliches geht. Und das ist, wie wir alle wissen, in unserer Leistungsgesellschaft nunmal das A und O. Bist du beruflich nicht erfolgreich, bist du nichts. Da man aber nur mit den „männlichen“ Eigenschaften vorankommt, sind ganz folgerichtig die „weiblichen“ Eigenschaften minderwertig.*
Und hierbei sehe ich die eigentliche Krux unserer Gesellschaft. Wir leben in einer kapitalistischen, angstgeprägten Leistungsgesellschaft, die, um sich sich selbst zu erhalten, Männer und Frauen aufteilt und zuordnet. Und das Grundproblem, das Bergmann diskutieren möchte (glaube ich zumindest), nämlich, dass Kinder allenthalben bereits in sehr jungen Jahren unter Leistungsdruck gesetzt werden, oftmals überbehütet werden und sich körperlich nicht mehr austoben dürfen, mit Fernsehen und Computer „ruhiggestellt“ werden und nicht unbeaufsichtigt unterwegs sein können, ist dieser Gesellschaft geschuldet. Aber dieses Problem betrifft bei weitem nicht nur Jungs. Mädchen haben genauso oft wie Jungs das Bedürfnis nach Toben, sich ausprobieren, laut sein und wildem Spielen. Und Jungs haben genauso oft wie Mädchen das Bedürfnis, sich kreativ auszuleben, Geschichten erzählt zu bekommen und konzentriert zu lernen.
Aber anstatt das einzugestehen und von Kindern, nicht von „Mädchen“ und „Jungs“ zu sprechen, wird lieber eingeteilt und aufgeteilt. Jungs, die dann ruhig mit einem Buch in der Ecke sitzen, sind „verweiblicht“ und nicht „normal“ und damit schlechter als „echte“ Jungs, die natürlich Fußballspielen und Raufen wollen. (Dass sowohl Jungs als auch Mädchen bei dieser absurden Einteilung nur verlieren können, wird ja generell gern übersehen.)
Die Opferrolle von Jungs und die Pinkifizierung von Mädchen sind hierbei ebenso Symptome für das krankende System wie solch erschreckende Sachen wie Rape Culture oder im schlimmsten Fall das Ausrasten eines jungen Mannes, der seinen Frauenhass in tödlicher Gewalt auslebt und dafür Kommentare bekommt wie „wärt ihr Frauen nicht so frigide, wäre das nicht passiert“. In einer Gesellschaft, in der weibliche Eigenschaften negativ sind, ist der Schritt zur generellen Verantwortlichkeit alles Weiblichen für jegliche negativen Ereignisse und Dinge – selbst für das, was den Frauen selbst widerfährt – nicht weit. Und die Verlierer sind hierbei nicht nur Jungs, sondern wir alle.
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* Absurderweise ordnet Bergmann in seinem Artikel das eigentlich männlich konnotierte und positiv besetzte Leistungsdenken der „weiblichen Pädagogik“ zu, aber, um Journelles schönen Artikel „Das böse Weib“ zu zitieren: „Ich nehme an, er wollte seine Argumentation nicht durch Logik versauen.“

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Anmerkung 3.6.2014:

Wie mir eine Leserin zukommen ließ, ist Wolfgang Bergmann vor drei Jahren verstorben. Ich weiß nicht, ob er seine Ansichten in seinem letzten Lebensjahr noch geändert hat, aber ich möchte, da er sich ja selbst nicht mehr verteidigen kann, nur nochmal klarstellen, dass ich nicht die Person angreife, sondern seine Ansichten, die ja leider auch heute, vier Jahre nach Veröffentlichung des Artikels, von vielen geteilt werden.

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