Gastbeitrag: Pagane Elternschaft wagen!

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Ich staunte nicht schlecht, als mich die liebe J. von unangespießt über Twitter anschrieb und fragte, ob sie bei mir einen Gastbeitrag veröffentlichen könnte über Pagane Elternschaft. Das hatte ich ja noch nie! 😀 Deshalb freue ich mich besonders, euch heute diesen Text zeigen zu können. (Bilder von mir.)

Nicht in jedem Teil stimme ich mit ihm überein, aber ich finde mich auch in vielem wieder. Zum Beispiel in dem Wunsch, meinen Glauben, meine Spiritualität (ich mag „Religion“ nicht…) verbreiteter zu sehen und Kinder per se einbezogener. Allerdings hat nur eine Freundin in dem kleinen lokalen Kreis, in dem ich halbwegs regelmäßig meine Wicca-angehauchten Rituale feiere, ein Kind und die Rituale selbst sind für uns auch Momente der Ruhe und Zurückgezogenheit. Für mich ist die Herausforderung also eher, das, was ich meinen Kindern vermitteln will, in den Alltag einzubeziehen und hierfür schöne, kindgerechte und intensive Rituale zu finden. Ich kann hier übrigens das Buch Circle Round von Starhawk, Diane Baker und Anne Hill empfehlen! Schön fände ich größere Runden allerdings doch auch, denn das Teilen solcher Alltäglichkeiten fehlt mir doch sehr.

Leander teilt meinen Glauben nicht, mag aber das Feiern und Begleiten der Jahreszeiten, weshalb wir das an unsere Jungs weitergeben. Sie dürfen, wenn sie möchten, überall teilnehmen – aber ich will sie nicht „dorthin erziehen“, denn ich will sie nicht in eine Richtung drängen. Ich sehe das Aufdrücken von Religion Kindern gegenüber als sehr, sehr kritisch und bin ein absoluter Gegner von Kindestaufen und ähnlichem und zucke schon zusammen, wenn ich meine Jungs „Oh Gott“ sagen höre, weil sie es von uns oder anderen aufgeschnappt haben (seitdem ich nicht mehr christlich bin, fällt mir erst auf, wie extrem durchzogen unsere Gesellschaft und Sprache von christlich geprägten Elementen ist). Deshalb biete ich an, aber ich „erziehe“ oder „missioniere“ nicht, besonders nicht von klein auf – oder besser gesagt, ich versuche es. Umso mehr freue ich mich jetzt, wo die Jungs größer und viel verständiger sind, offener mit ihnen darüber sprechen zu können. Auch J. sieht das Ganze etwas anders – aber lest selbst!

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Darf/ soll/ muss ich mein Kind heidnisch erziehen? Ist die neo-pagane Szene in Deutschland nicht kinderfreundlich genug?

Ich bin Heidin seit mehr als 15 Jahren, also über die Hälfte meines Lebens. Seit beinah zwei Jahren bin ich Mutter. Diese beiden Aspekte miteinander zu verbinden, ist mir ein elementares Bedürfnis. In dieser Hinsicht ist meine Einstellung quasi missionarisch. Ja, ich möchte meine Religion verbreiten. Ich möchte dazu niemanden überreden. Mein Grundsatz, gerade in dieser Hinsicht, ist immer noch: Ungefragt rate und meine nie. Jemandem zu meiner Religion bewegen, indem ich predige, kann ich nicht und will ich nicht. Mein Glaube und meine Spiritualität sind jedoch wichtiger Bestandteil meines Lebens – im Alltag ebenso wie bei besonderen Gelegenheiten. Und daran soll mein Kind teilhaben. Praktisch, einfach, kindgerecht. Ein Buch mit Bildern von Göttern anzuschauen – das hat auch etwas missionarisches. Ich zeige und erkläre meinem Kind, was ich glaube. Und das in einem Alter (mein Kind ist knapp zwei), in dem so etwas einsinkt ins kindliche Gemüt und es beeinflusst. Das ist mir klar. Und ich finde das richtig und gut.

Andere machen das ja auch.

Christen, Gewerkschaftler, Ordnungsfanatiker, Familienbetriebler, Spießer, Alternative… alle geben ihren Kindern Weltbildern mit. Durch Vorleben, Erklären, Ablehnen von Andersartigem. Weihnachtsbaum mit Geschenken drunter – Mosaikstück im großen Bild eines familiären Weltbildes. Mein Kind bekommt von uns so einiges mit: zum Beispiel Unordnung, Altruismus, Begeisterung für Bücher, Neo-Paganismus.

Irgendwann wird unser Kind natürlich Entscheidungen treffen.

Vielleicht entscheidet es sich gegen allgegenwärtige Unordnung, vielleicht auch gegen die Teilnahme an Ritualen. Auch das ist etwas, was ich meinem Kind vermitteln möchte: du bist frei, du selbst zu sein. Wenn du einen anderen Weg als unseren wählst, unterstützen wir dich ebenso.

Bis zu diesem Punkt (der vielleicht auch nie erreicht wird) nehmen wir unser Kind mit – zu Ritualen, Festen, Treffen mit anderen Heiden. Wir zeigen ihm die Welt, wie sie in unseren heidnischen Augen aussieht.

Pagane Elternschaft in Deutschland?

Pagan Parenting ist das Stichwort, auf das ich während meiner Schwangerschaft im Internet stieß. In den religionsbegeisterten USA ist das ein Thema. In Deutschland eher nicht, habe ich den Eindruck. Die Deutschen neigen eben eher zum Privaten. Religion ist etwas besonders privates, so persönlich, dass sie in erster Linie nur den einzelnen angeht. Natürlich gibt es religiöse Gegenden, wo man nicht Teil der Gemeinschaft sein kann, wenn man sich etwa dem sonntäglichen Kirchgang verweigert. Aber hier in meinem traditionell atheistischen Berlin wirkt schon die Frage nach der Religionszugehörigkeit manchmal übergriffig. Und die eigenen Kinder mit dem persönlichen Glauben zu konfrontieren? Ein Eingriff in die kindliche humanistische Freiheit!

Mehr Mut!

Das soll jede und jeder halten, wie sie oder er will, finde ich. Eigentlich. Aber. Ich würde mir mehr Pagan Parenting wünschen. Mehr Mundfeiern, statt Jugendweihen. Mehr Freijas und Odins, statt Lillys und Leons. Eine Edda für Kinder im Buchladen neben der Weihnachtsgeschichte mit sprechendem Esel. Mehr Kinder auf den Ritualen. (Denn je mehr Kinder da sind, umso besser beschäftigen die sich gegenseitig und die Eltern können auch mal in Ruhe mit den anderen Erwachsenen quatschen – ganz eigennütziger Gedanke!) Überhaupt wünsche ich mir familienfreundliche Rituale vor Einbruch der Dunkelheit. Und ich wünsche mir ganz besonders andere pagane Eltern, um die Besonderheiten paganer Elternschaft zu besprechen.

Wir müssen nach außen gehen!

Wir müssen uns als Teil der Gesellschaft emanzipieren. Sagen, wer und was wir sind. Ja, es gibt immer die Lebensumstände, die das nicht erlauben. Der Job, die Familie, die Nachbarn. Aber befragen wir doch alle mal uns selbst und die Karten und die Runen und was sonst noch: geht das bei mir wirklich nicht? Also bei mir ganz persönlich geht das. Ich lebe in einer großen weltoffenen Stadt (bitte aktuelle Wahlergebnisse ignorieren!) und habe nicht viel zu verlieren – ich kann mich öffentlich (immer wieder) outen. Und tue das auch. Je mehr Leute das tun, umso einfacher wird es für die anderen.Und zum Outing dazu gehört eben auch, die Kinder nicht auszuschließen.

Kinder stören

In Deutschland ist das auch nicht leicht mit Kindern. Es gibt extra Bahnabteile für sie, damit andere Reisende nicht von ihnen gestört werden. Es gibt Restaurants, in die man mit Kindern gehen kann – und viele, in denen sie nicht erwünscht sind. Es gibt viele Situationen, in denen man die Kinder „anderweitig unterbringen“ muss, weil sie nur „stören“ würden: Arbeit, Partys, Treffen mit Freunden, Einkäufe… Und dann eben Rituale, Jahreskreisfeste, Meditationsrunden, Stammtische. Müssen wir als Heiden, die wir eh zum Gegen-den-Strom-Schwimmen neigen, das mitmachen? Wollen wir nicht grundsätzlich die Welt zum Besseren verändern? Dann fangen wir dich bei uns selbst an! Ja, es ist beschwerlich, Kind und Kegel zu irgendeiner Veranstaltung zu bugsieren. Ja, vor Ort ist es eine Herausforderung, die Kleinen und Mittleren zu beschäftigen, beaufsichtigen, gar einzubeziehen. Aber ich mach das einfach. Wir machen das. Und wenn mein Kind wieder mal der einzige Mensch unter 18 vor Ort ist, dann ist das eben so. Aber seht hin, wir machen das! Vielleicht macht ihr das das nächste Mal auch! Oder ihr kommt beim nächsten Treffen auf uns zu, unterhaltet euch mit unserem Kind und beschäftigt es mal für fünf Minuten. Wir helfen uns dich alle gern gegenseitig. Ich übernehm dafür beim nächsten Mal drei andere Kinder. Ich bring auch Seifenblasen mit.

7 Replies to “Gastbeitrag: Pagane Elternschaft wagen!”

  1. Danke noch mal, dass du diesem Beitrag ein Zuhause gegeben hast!

    1. Mit Freuden! 😀

  2. Danke für diesen Beitrag! Genau das ist auch mein Anliegen: Pagane Elternschaft sichtbar machen. Wie oft freut sich dann jemand, dass er doch nicht alleine ist. Nein, wir sind nicht alleine, aber wir sind für Gleichgesinnte nicht sichtbar, nicht greifbar.
    Es ist wirklich wünschenswert, auch die Kinder einzubeziehen. Denn ja: Die Anderen tun es doch auch und die Freiheit, sich dem abzuwenden, bleibt bei denen wie bei uns bestehen. So lange wir im stillen Kämmerlein feiern, bekommen wir vielleicht nicht mit, dass es genau neben uns Gleichgesinnte oder Interessierte gibt. Gerade für die Kinder fänd ich den Kontakt zu anderen heidnischen/paganen Familien wichtig. Das gibt Rückendeckung und Sicherheit.

    Ganz liebe Grüße und ein schönes Wochenende!
    Amy

  3. […] ganz generellt bezüglich pagane Elternschaft kann und möchte ich Dich an dieser Stelle auf Julies Blog […]

  4. Kann mich Amy nur anschließen. Ich bin selbst gerade noch am Anfang und versuche, mit meinem 2-jährigen Sohn anzufangen, die Jahreskreis-Feste zu feiern… Momentan lese ich noch viel, aber ich hoffe, ab nächstem Jahr kann ich schon viel mehr praktisch umsetzen.
    Mir fehlen hier ganz klar auch die Menschen, mit denen ich feiern könnte… oder wir.
    Aber gucken wir mal, was das Leben in den nächsten Jahren noch so bringt…
    Wo finde ich Euch denn auf Twitter?

    1. Mich findet man auf Twitter unter @julietaube ^_^
      So langsam finden wir bei uns einen Rhythmus und als die Zwillinge letztens sich auf Jul vorfreuten und nicht auf Weihnachten, hab ich mich auch echt gefreut 😀

      1. Hah, sehr cool. Bei den immensen Einflüssen und Eindrücken von außen stelle ich mir das für Kinder schon schwierig vor, da durch zu blicken. 🙂

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