Wie Nägel auf einer Tafel

Disclaimer: Ich bin keine Ärztin, nur selbstdiagnostiziert und berichte hier nur von eigenen Erfahrungen. Bei Unsicherheiten bitte IMMER medizinischen Rat bei einer medizinisch gebildeten Vertrauensperson einholen.

Wenn ich müde bin, kann ich schlafen. Immer. Überall. Licht macht mir inzwischen mehr aus als früher, aber Geräusche kann ich in der Regel total gut ausblenden, wenn ich einschlafen will. Leander zockt noch, während ich mich schon umdrehe? Kein Problem. Ich bin mal in einer Disco auf den bereitstehenden Sofas eingeschlafen, während ich darauf wartete, dass die Freundin, mit der ich unterwegs war, fertig geknutscht hatte, damit wir heimgehen können – und nicht, weil ich betrunken war. Wenn ich mich auf etwas konzentrieren möchte, mache ich das gern, indem ich mir Kopfhörer in die Ohren packe und meine Lieblingsplaylists in Spotify in Dauerschleife höre. Es hilft mir, meine eigene kleine „Blase“ zu bilden, ich schalte damit alles andere aus: nur ich, meine Gedanken und die Musik, die mich von der Außenwelt und der Realität abschottet.

Aber wenn ich das nicht kann, wenn ich gestresst oder genervt bin, wenn ich müde bin, aber nicht schlafen darf, wenn das „sich rausnehmen“ keine Option ist, wird jedes Geräusch zum Schmerz. Das Spielen oder Geschrei oder Weinen der Kinder, die Autos draußen auf der Straße, das Klirren von Gläsern, die auf den Tisch gestellt werden und konzentriertes Murmeln von Leander, das Surren des Druckers oder einfach nur Vogelgezwitscher – alles summiert sich aufeinander auf. Stimmen fließen ineinander und werden zur untrennbaren Kakophonie, aus der sich keine Worte mehr herauslesen lassen. Alles ist auf einmal hörbar und nicht mehr zu filtern, alles gleich laut und will wahrgenommen werden.

Was an einem Tag problemlos ist, wird am anderen Tag zum schier unerträglichen Dauerschmerz, der an Nerven zerrt. Jedes plötzliche (tatsächlich laute) Geräusch lässt mich dann zusammenzucken, macht mich noch gestresster und noch empfindlicher.

Das Ganze fing vor fast zwei Jahren an – ziemlich genau, nachdem ich nach der Geburt der Kinder wieder anfing zu arbeiten. S’ist ein Schelm, wer hier einen Zusammenhang vermutet…

Ich dachte zuerst, ich spinne. Ich fange doch nicht auf einmal an, besser zu hören, auf meine alten Tage? Das macht ja keinen Sinn. Zumal es nicht dauerhaft auftrat. Da ich autistische Freunde und Freunde mit ADHS habe, war mir zum Glück das Phänomen bekannt, Reizeindrücke nicht filtern zu können. Der Gedanke lag also nah, dass es eher in diese Richtung geht.

Was tat ich also, Internetmensch, der ich bin? Richtig. Ich googelte. (Ja, ja, ich weiß.) Tatsächlich bekam ich sogar keine Aidskrebs-Horrormeldungen, sondern direkt beim ersten oder zweiten Treffer etwas, mit dem ich mich direkt identifizieren konnte: Hyperakusis. Kurz gesagt: eine Überempfindlichkeit gegenüber Geräuschen, die normalerweise noch nicht in einer schmerzhaften Lautstärke liegen. Aber: in einer sehr leichten Form.

Da ich weder Tinnitus noch Migräne habe und es recht eindeutig auf einen bestimmten Zeitpunkt zurückführen kann, war der Satz „Stress kann die Hörsignale beeinflussen und damit eine Hyperakusis bewirken“ (Quelle) keine wirkliche Überraschung. Und wie sich herausstellte, mache ich eine der Therapien ohnehin automatisch: ich habe fast immer eine leise Geräuschkulisse um mich herum, gerade mit Musik, die ich dann in den Hintergrund ausblenden kann. Ansonsten versuche ich in den Momenten, in denen alles zu laut wird, mich zurückzuziehen. Meistens helfen schon wenige Minuten Stille, in denen ich durchatmen kann, um wieder besser klar zu kommen. Zusätzlich versuche ich halbwegs regelmäßig Yoga zu machen – im Endeffekt also etwas, das generellen Stress mindert.

Abgesehen davon bin ich nicht in Behandlung, da sich das Ganze dankenswerterweise in einem sehr übersichtlichen Rahmen bewegt und ich keine tatsächlich körperlichen Schmerzen habe, die bei Hyperakusis durchaus auftreten können. Aber ich bin froh, eine Ahnung zu haben, was es sein könnte, sodass ich bei Bedarf direkt weiß, wie ich vorgehen kann.

Warum ich das hier schreibe? Irgendwie hatte ich das Bedürfnis, es festzuhalten. Und vielleicht kennt ja der ein oder andere dieses oder ein ähnliches Phänomen. Lasst es euch gut gehen 🙂

4 Gedanken zu “Wie Nägel auf einer Tafel

  1. Jaaaaaah, das kenn ich. Geht mir genauso. Wobei ichs einfach auf mein Migränehirn schiebe, was ja auch eher schlecht ist im Reize filtern. Und es ist total ätzend, weil einfach Sachen unerträglich laut sind, die für andere vollkommen normal sind und es deshalb auch schwer ist, zu erklären, dass man gerade in bisschen stirbt, weil jemand im selben Raum eine Papiertüte zusammenknüllt.

    Ich hab ja letztes Jahr zum Geburtstag geräuschunterdrückende Kopfhörer von Bohse bekommen und die Dinger sind echt ein Segen. Seit ich die habe, fahr ich auch öfter mal wieder mit der Bahn zur Arbeit, weil das für mich ansonsten unerträglich geworden ist mit den übersteuerten lauten Bahndurchsagen, tausend Pieptönen und lauten Menschenhorden.

    Tut mir jedenfalls leid, dass sich das bei dir so entwickelt hat, ich hoffe, du kriegst es halbwegs in den Griff.

  2. Die Überempfindlichkeit gegen Geräusche kenne ich nur in Extremsituationen, aber ich kann mir sehr gut vorstellen, was da passiert.
    Die Geräuschfilter sind bei mir sehr gut, dafür haben andere Reizfilter in den letzten Jahren massiv nachgelassen. Nach nunmehr acht Jahren ohne einen einzigen (!) wirklich freien Tag, so ganz ohne Verpflichtungen den Kindern oder dem Haushalt oder den Tieren gegenüber, sind Körper und Seele nun einfach an einem Punkt, wo sie nach Wegen suchen, den blöden Verstand und das ziemlich dumme Pflichtgefühl mal aus dem Weg zu räumen. Reizfilter ausschalten ist die schnellste und einfachste Methode um mich endlich mal aus dem Alltagsrauschen rauszureißen.
    Ich versuche grad genug Energie anzusammeln, um den Antrag für eine Mutter-Kind-Kur zu stellen. Drei Wochen ohne Tiere und Haushaltsverpflichtungen wäre ein Traum 🙂

    Pass gut auf dich auf. Nimm dir Auszeiten, lange bevor es „wirklich“ nötig ist.
    Mutter von kleinen Kindern und Erwerbsarbeit ist eine Doppelbelastung, die man nicht einfach so ohne Folgen für Körper und Seele wuppt.

  3. Uh, ja, sowas ist anstrengend. Mir geht es bei Gerüchen wie dir. Gerüche, egal wie schön oder angenehm sie sind, überrollen mich, sobald sie eine gewisse Intensität erreichen, bzw. ich finde auch mehr Gerüche unangenehm als andere Menschen. Es gibt hier in der Stadt einen Fußgängertunnel durch ein Haus und die Bäckerei dort hat eine Lüftung in diesen Tunnel. Das heißt, es riecht dort nach frisch gebackenem Brot und nach Brötchen. Ich kann da aber kaum durch gehen, ohne dass mir schlecht wird, weil es einfach zu intensiv ist. Ich nehme meine Umgebung sehr stark durch Gerüche wahr, was teilweise auch schön sein kann. Allerdings eben nicht immer.

    Ich drücke dir die Daumen, dass du es mit deinen Maßnahmen schaffst, die Sache erträglich zu halten. Vielem kann man leider nicht so leicht entkommen. Sinneseindrücke sind heute so extrem geworden und gleichen einem Dauerfeuer.

  4. Ich lese mich in den letzten Tagen in das Thema Magnesium ein, da ich ziemlich viele Symptome habe, die alle in irgendeiner Form mit einem Magnesiummangel zusammenhängen. Nach mehreren Schwangerschaften ist sowas durchaus möglich.
    Jetzt musste ich an dich denken, denn eines der vielen möglichen Symptome ist Hyperakusis.

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