Die Kleinstadtmaus in der Großstadt

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Das „Gute“ am Kranksein: mehrere Bücher durchgelesen

Der Juni war sehr, sehr ruhig hier auf dem Blog (was sich beeindruckend in meinen Klickzahlen niederschlägt), was primär daran lag, dass ich mir eine fette Mandelentzündung zuzog, die mich mit mehreren Tagen hohem Fieber und gnadenloser Erschöpfung vollkommen aus dem Verkehr zog.

Ganze zwei Wochen war ich krankgeschrieben, eine davon mit Antibiotika und jetzt erst merke ich langsam, wie ich mich wieder einem Energielevel nähere, das ich als gesund bezeichnen würde. Das heißt aber nicht, dass hier nichts los war, was nicht berichtenswert wäre 😉 Erinnert sich der eine oder andere noch an meinen Tattoo-Termin?

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Eine Auswahl von Ephis großartigen Motiven.

Der verursachte leider meiner Krankheit. Nicht das Tattoostechen selbst, sondern die Fahrt nach Berlin. Ich war mit dem Zug unterwegs, an einem recht warmen Tag, was die Bahn zum Anlass nahm, die Klimaanlage BIS ZUM ANSCHLAG und damit gefühlten 16°C hochzudrehen. Für die niemand im Zug gekleidet war. Ahahahaha. Ich fror mich also fast anderthalb Stunden durch die Gegend, fing mir die Mandelentzündung ein, die ab da auf ihren großen Moment wartete, und wartete dann auf meinen Anschluss, der zum Glück auch verspätet war – und hatte im ICE nach Berlin dann die großartigste Bahnfahrt ever. Wir waren zu viert im Abteil, drei Frauen, ein Kerl, und kamen ins Gespräch. Die kommenden vier Stunden waren dann gefüllt mit Lebensgeschichten, Diskussionen über Gesellschaft, Feminismus, Elternsein, Psyche und Pläne. Irgendwann tauschten wir dann Namen und High-Fives aus und freuten uns über einen gelungenen Nachmittag. Das war echt genial.

In Berlin angekommen, wurde ich von Julia und Zesyra abgeholt und wir bahnten uns einen Weg zu einer Bar und lernten uns kennen. („Irgendwie bin ich davon ausgegangen, dass du auch nur schwarz trägst…“ ^_^) Ein richtig schöner Abend, auch wenn ich mich wie die kleinstadtigste Maus ever fühlte. Berlin hat irgendwie diese Auswirkungen auf mich. Alles ist voll und laut und grau und hip und abgespaced. Ein Typ fuhr auf dem Fahrrad durch die Gegend und spritzte mit der Wasserpistole um sich, ein anderer bot uns Drogen an, dort stolzierte eine Gruppe barfuß über den Asphalt und aus den unterschiedlichsten Restaurants kamen die großartigsten Gerüche, während ich meine Handtasche festklammerte und meine Schuhwahl bereute. (Ballerinas mit Keilabsatz. So dumm.) Es waren viel mehr Kinder unterwegs als ich dachte, auch abends um 22Uhr noch und die Lesbenbar war keine mehr. Und mitten drin ich, etwas überwältigt und seltsam „detached“. Berlin beeindruckt und gleichzeitig kann es mich nicht berühren. Nicht mein Stadt.

Gegen 23 Uhr waren wir dann bei Julia und wurden von Attila, dem Größten Hund Der Welt, besabbert begrüßt und Julia wurde sofort von der Zweijährigen in Beschlag genommen, die sich bis dahin weigerte, von Papa zum Einschlafen gebracht zu werden. Ihr Mann, der übrigens ziemlich großartig ist, leistete mir noch ein Weilchen Gesellschaft, zeigte mir die Wohnung und gegen halb 1 war ich dann dankbar für ein Bett. Der nächste Morgen lehrte mich das Feigenciabatta von Aldi Nord lieben und die unangespießte Familie dafür, dass sie extra für mich Marmeladendinge zum Frühstück eingekauft hatte th_herzchen2 und gegen Mittag machten sich Julia und ich auf zu Ephi.

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Saucooles Studio, sehr hell und schön, mit saucoolen Leuten, Ephi selbst eh großartig, es gab Tee und Hausschuhe und Snacks und gemeinsam von allen Anwesenden wurde ich überredet davon überzeugt, die ursprünglich geplante Größe des Tattoos etwas zu… vergrößern. 😉 Gesagt, getan, und dann ging es auch schon los.

Ephi hatte im Voraus gesagt, dass es sich ungefähr so anfühlen würde, wie wenn man über einen Sonnenbrand drüberkratzt und ja, das trifft es recht gut. Oder wie wenn man sich so nen richtig fiesen Pickel ausdrückt, ihr wisst, was ich meine. Auf jeden Fall alles nicht so richtig schlimm – weniger wild als ich befürchtet hatte. Die Lines waren sogar ziemlich unproblematisch, erst das Ausfüllen war ziemlich fies, aber aushaltbar.

Das Studio selbst hat übrigens keine Homepage und keine Werbung außen, da sich die vier Tattookünstlerinnen, die es sich teilen, ihre Kunden selbst aussuchen wollen. Sie sind aber auf Messen unterwegs. Die beiden, die ich kennenlernte, waren nicht nur wahnsinnig nett, auch die Designs, die ausgestellt waren, waren großartig und individuell und schön – wer also auf der Suche nach einer Künstlerin ist, ich kann es echt empfehlen!

Nach zwei Stunden auf der Liege war es dann soweit:

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Das hier (in Ausschnitten) hatte ich Ephi zum Hintergrund der Motivauswahl (der Triple Moon, den sie dann umsetzte) geschrieben gehabt:

Der dreifache Mond, Triple Moon, steht für den Kreislauf des Lebens – Geburt, Leben, Tod und im Kreislauf dann Wiedergeburt – und ist eiiiiigentlich ein vierfacher Mond – der Kreis in der Mitte sowohl für den Vollmond als auch Neumond – und ist für mich ein stellvertretendes Symbol für meine Spiritualität.
[…]
Es fühlte sich wirklich ein bisschen wie ein „Aufwachen“ an und war der Einstieg in eine emotionale Reise, die im Endeffekt relativ wenig mit Religion oder Dogmatismus zu tun hat und eine Menge mit Selbstentdeckung, Selbstbewusstsein und Achtsamkeit. Die Essenz für mich ist das Gefühl und Bewusstsein, dass alles und alle energetisch verbunden sind und damit auch eine Verantwortung, mit mir, mit anderen und mit allem um mich herum achtsam zu sein.

[…]
Aber mal vom Aspekt des spirituellen abgesehen: Der Zeitpunkt als ich mich anfing, mit Neopaganismus etc zu beschäftigen, war definitiv der Zeitpunk, an dem ich anfing, das Gefühl zu haben, meine ganz eigene Person zu sein und mich intensiv damit zu beschäftigen, was ich brauche, was ich will und wer ich bin und sein will. Das Symbol steht also letztlich nicht nur für eine spirituelle Neigung, sondern für einen Weg zu meinem Selbst.

Den Rest des Freitags verbrachten wir mit Essen, im Wuhlepark und mit Quatschmachen mit der Zweijährigen. Ich war abends sehr früh im Bett, weil ich ganz schön ausgelaugt war – und in der Nacht hatte die Mandelentzündung dann ihren großen Auftritt. Schüttelfrost, Schmerzen, Schluckbeschwerden, es ging richtig los.

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Der phantastische Wuhlepark, in welchem die unangespießt-Familie eine Gartenparzelle hat

Die Heimfahrt am Samstag war entsprechend ungeil, vor allem, weil ich einen Teil der Fahrt auf dem Boden bei den zugigen Türen verbringen musste. Leander war den Tag auf einem Junggesellenabschied und Stina (GROSSE LIEBE) passte auf die Jungs auf, bis ich daheim war – und sofort ins Bett fiel. Die kommenden Tage war ich, die nie Fieber hat, dann mit 40°C Fieber komplett ausgeknockt. Für den Arztbesuch am Montag schrieb ich Kärtchen, weil ich nicht in der Lage war, zu sprechen. Dann vertrug ich das Ibuprofen nicht blablabla… nicht so schön alles.

Aber inzwischen ist das Tattoo quasi abgeheilt und die Jungs bewundern es immer wieder neu.

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Tausend Dank nochmal an Ephi, Julia und Familie, Zesyra, Stina und Leander, die das Wochenende und dieses Tattoo möglich gemacht haben!! LOVE YOU!

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Von unserem neuen Tisch und sonstigen Dingen berichte ich dann demnächst 😉

2 Gedanken zu “Die Kleinstadtmaus in der Großstadt

  1. Das Tattoo ist so unbeschreiblich schön und auch die anderen Motive finde ich beeindruckend. Ich wusste gar nicht, dass man so … vielseitig tätowieren kann. Vor allem was die Farben angeht. Das sieht ja fast wie ein Aquarell aus.

    Das ist ja echt übel mit der Mandelentzündung. Krank zu reisen macht wirklich keinen Spaß. Ich denke nur mit Grausen an meinen Flug von London mit komplett dichten Nebenhöhlen zurück. Das war fies.

    1. Danke 😀 Und ja, ich liebe ihren Stil auch komplett. Deshalb bin ich dafür auch nach Berlin gefahren – mir war es bei soetwas wie einem Tattoo wichtig, dass es rundum stimmt. Immerhin soll es möglichst lange meinen Körper schmücken 😉

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