How to be a parent in 2017 – ein Rant

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Das hier lief mir gestern bei Twitter über den Weg und ich musste schon sehr an mich halten, um nicht einen direkten kleinen Rant loszutreten – trotz dessen, dass mir klar ist, dass das polemisch ist. Denn wenig kotzt mich so sehr an wie dieses implizite „Früher war alles besser und einfacher“.

„Feed them sometimes.“ Die überhebliche Naivität und Herablassung, die aus diesem Satz spricht, ist wirklich beeindruckend.

(Disclaimer: Ich gestehe voll ein, dass es möglich ist, dass ich den Text missverstehe und dieser sich gar nicht über Eltern lustig macht, sondern über das, was in den Medien propagiert wird – ich kenne den dazugehörigen Vortrag nicht. Allerdings vermute ich, dass es eher keine Medienkritik ist.)

Was soll denn genau an „Make sure your children’s academic, emotional, psychological, mental, spiritual, physical, nutritional and social needs are met“ schlimm oder falsch sein? Das sollte selbstverständlich sein! Und ja natürlich, es ist wahnsinnig einfach, auf bedürfnisorientierten Eltern rumzuhacken und wenn sie dann auch noch so irre sind, eine bildschirmfreie Umgebung oder möglichst nachhaltige Produkte zu nutzen (diese weltfremden Hippies), lacht es sich besonders laut. Wie, ihr kocht primär selbst, versucht, eure Kinder möglichst vorurteilsfrei aufwachsen zu lassen und was? Ihr habt einen Garten oder sucht nach einem Haus mit einem?

Was ist denn die Alternative? Dauerhaft glotzende, im 2-Zimmer-Apartment mit dem kalten Fast Food auf dem Tisch? Nee, Moment, dann ist man ja Assi.

Wieder einmal: wie man es macht, macht man es falsch. Der Text (abgesehen davon, dass er auch faktisch natürlich Schwachsinn ist. Als ob die letzten Generationen nicht genauso, wenn nicht mehr, auf das ‚Haus mit Garten‘ als Statussymbol bestanden hätte) reiht sich ein in das derzeit ja ‚moderne‘ Bashing von Political Correctness. „Meine Güte, hab ich halt nen Witz über nen schwulen Juden gemacht, krieg dich ein.“ Nein, werd ich nicht du homophober Antisemit!

Political Correctness, was besser „Anstand haben“ heißen müsste, beinhaltet schlichtweg nur, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, was andere Menschen verletzt und dieses zu vermeiden. Eigentlich nicht schwer, oder?

Und der Großteil – nein, eigentlich alles, was im oben verlinkten Text steht, soll helfen, den eigenen Kindern ein möglichst liebevolles Zuhause zu bieten und ihnen den Weg in ein selbstbestimmtes, selbstbewusstes und glückliches Leben zu ebnen. Wie man diesen Weg findet, ist so individuell, wie es Menschen sind. Niemand versucht auch nur, das da oben alles zu erfüllen, denn nicht auf alle passt es.

Ich unterstelle mal (fast) allen Eltern, dass ihr Ziel ist, glückliche Kinder auf ihrem Weg zu glücklichen Erwachsenen zu begleiten. Und klar, wenn man sich durch die Gegend liest, findet man Ansätze noch und nöcher und Vorgaben noch und nöcher – wie in jedem Themengebiet. Aber wenn ich mich so umsehe, außerhalb meiner größtenteils Attachment Parenting Filterbubble, dann ist es durchaus noch lange nicht normal, dass sich jeder in einem derartigen Ausmaß Gedanken macht wie es auf dem Bild karikiert ist. Da werden die Dinge, die einem selbst eingebläut wurden als Kind oder die einem die Gesellschaft und Werbung schön häppchenweise servieren, relativ gedankenlos reproduziert, auf die Kinder aufgestülpt, auf sich selbst aufgestülpt. Manches geschieht aus Notwendigkeit, manches aus Gedankenlosigkeit.

Ich sehe die Entwicklung, die die Attachment Parenting Bewegung mit sich bringt, sehr positiv. Wir alle lernen gerade erst, wie man sich am besten mit den eigenen Kindern in unseren Zeiten bewegt, was gut ist und was nicht, und jeder wird Fehler machen. Ich sehe auch wieder und wieder, wie sich Ansichten, die man meinte, fest zu haben, im Angesicht der eigenen Schwangerschaft und des eigenen Elternwerdens und -seins radikal ändern –  in alle möglichen Richtungen. Von „Ich werde meine Kinder niemals vor dem Fernseher parken!“ zu „Ja mein, lass sie halt noch ne Folge schauen, wenn sie unbedingt wollen.“ Von „Ich werde auf jeden Fall das Kind im Krankenhaus bekommen!“ zu „Hausgeburt, nichts anderes.“ Von „Bei uns wird es immer frisch gekochtes Essen geben“ zu „Können wir bitte einfach Pizza bestellen?“ und von „Pfft, man muss das Kind ja auch nicht verwöhnen, warum rennt der denn immer sofort hin“ zu „Ich habe mein Kind dauerhaft im Tragetuch an mir, damit es sich sicher fühlt“ zu „Endlich darf ich ihn auch mal ablegen und allein sein.“

Alleine das immer größer werdende Bewusstsein, dass Kinder Menschen sind, mit eigenen Bedürfnissen und allem, was das beinhaltet, ist mitnichten negativ zu sehen.

Natürlich ist es einfacher, das Kind in die Wiege / den Stubenwagen zu legen und vier Stunden schreien zu lassen, bevor es die nächste Mahlzeit bekommt, weil man nicht öfter als alle vier Stunden füttert oder es später im eigenen Dreck liegen zu lassen, um ihm abzugewöhnen ins Bett zu machen. Man könnte das Kind ja verwöhnen! (Das wurde mit meiner Schwiegermutter gemacht.)

Natürlich ist es auch einfacher, alles auf „das Kind hat Blähungen“ und „es wird sich schon beruhigen“ zu schieben, anstatt mal darüber nachzudenken und anzunehmen, dass sogar ein Säugling vielleicht einfach einen beschissenen Tag hat oder vielleicht sogar selbst nicht weiß, was er gerade will. (Der Ansatz beider Großmütter meines Neffen.)

Anstatt sich über die Eltern lustig zu machen, die versuchen (manchmal mit Verrenkungen), dem eigenen Kind das Beste™ zu bieten, sollte man sich doch vielleicht mal anschauen, was für Kinder dabei rumkommen: selbstbewusste, in ihren Eigenheiten sichere und unterstützte, kreative, nachdenkliche und tolle Kinder – zumindest ist das die Erfahrung, die ich gemacht habe.

One Reply to “How to be a parent in 2017 – ein Rant”

  1. ich muss gestehen, dass ich das auch geteilt habe. Ich habe mich in den oberen Teil eben schon wieder erkannt und gerade weil es nicht zu 100% durchführbar ist es als absurd und zum über mich selbst lachen witzig gefunden. Genauso ist natürlich die untere Aussage auch nicht wahr. Auch vor 40 Jahren haben Eltern (zumindest meine Eltern, über andere kann ich da nicht wirklich sprechen) versucht ihre Kinder glücklich zu machen und Sachen zu ermöglichen. Hat meine Mutter sich engagiert um Spielgruppen zu organisieren und anderen Eltern Babysitter vermittelt. Definitiv mehr als „ich gebe ihnen ab und zu was zu essen“ Aber du hast natürlich recht, dass ausserhalb der Bubble vieles noch anders ist und man daher vielleicht vorsichtig mit solcher Polemik sein sollte.

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