Unser Internetabziehbild

Über Twitter wurde in den letzten Tagen viel über einen Blogbeitrag diskutiert, den ich hier nicht verlinken werde, weil meines Erachtens nach schon genug darüber (und, wie ich das sehe, zu wenig mit der Autorin) geredet wurde. Da ich weder den entsprechenden Blog noch die Autorin vorher kannte, noch Johannes, dessen Selbstmord letztes Jahr der Anlass für den Blogbeitrag war, gehe ich auch auf diesen Aspekt nicht ein. Worauf ich eingehen möchte, ist der Teil, bei dem sie darüber spricht, dass sie schockiert war, wie sehr sie sich hat täuschen lassen und wie bewusst ihr wurde, dass alles im Netz inszeniert ist. (Anmerkung: es ist möglich, dass sie sich gar nicht (primär) auf seine Internetpräsenz bezieht. Ich weiß es nicht. Ich gehe hier auf das ein, was ich aus dem Text herauslas.)

Ich muss gestehen, dieser Punkt hat mich ein wenig überrascht. Denn dieses Bewusstsein ist für mich eine Selbstverständlichkeit.

Wie ich auf Twitter auch schon schrieb:

Hm. Ich kenn die Autorin nicht und respektiere ihre persönliche Entscheidung, halte den Text allerdings für kurzsichtig. Inzwischen sollten wir alle „internet literate“ genug sein, um zu wissen dass für jedes scheinbar perfekte Bild eine unaufgeräumte Ecke existiert. Und dass Texte natürlich nur eine gewisse Version eines Menschen/einer Situation sind. Depressive bis selbstmordgefährdete Menschen wird man nicht als Internetbekanntschaft helfen können. Dafür gibt es die Personen, die uns auch außerhalb des Internets kennen. (Und selbst die können oft nichts tun.) Ich habe phantastische Freundschaften über das Internet geschlossen, aber alle wurden das erst als wir uns auch außerhalb des Internets kennenlernten. Zu glauben, dass reine „Lesefreundschaften“ alle Aspekte eines Menschen beinhalten halte ich für naiv. Ich finde das „Täuschen“ im Netz über Blogs etc auch halb so wild bis wichtig. Gerade weil vollkommen Fremde mitlesen.

Dieser letzte Punkt, „gerade weil vollkommen Fremde mitlesen“, ist meines Erachtens nach nicht zu unterschätzen. Natürlich schreibe ich hier nicht über alles, was ich denke und fühle. Das war mal anders, aber das ist auch zehn Jahre her, ich war jünger und dümmer und ich habe in diesen zehn Jahren sehr viel über das Internet und wie es funktioniert und auch über mich gelernt. Aufgrund dieser Erfahrungen halte ich es sogar für notwendig, eine gewisse „Täuschung“ aufrecht zu erhalten – Stichwort Privatsphäre – wobei es für jeden anders sein kann, was für ihn zu privat ist.

Ich erwarte und glaube nicht, jemanden zu kennen, nur weil ich ihren Blog lese und sie vielleicht mal auf einem Video oder sogar real gesehen habe.

Vielleicht bin ich naiv und tatsächlich haben die meisten Menschen dieses Bewusstsein gar nicht, obwohl sie sich tagtäglich im Internet und der Bloggosphere bewegen. Nun bin ich jemand, die einen Großteil ihrer engen Freundschaften über das Internet geschlossen hat, aber erst nachdem ich diese Personen begonnen habe, regelmäßig im realen Leben zu treffen. Und ich habe sehr oft auch die Erfahrung gemacht, dass jemand tatsächlich vollkommen anders ist als man ihn oder sie online eingeschätzt hatte.

Da gibt es diejenigen, die im Netz witzig, schlagfertig und wortgewandt sind und real kaum ein Wort herausbekommen, weil sie eigentlich total introvertiert sind.

Da gibt es diejenigen, die ich meinte, sehr gut zu kennen und stundenlange Telefonate und Briefe und Mails und und austauschte, und wo man dann voreinander steht und… es… klickt einfach nicht. Und die Unterhaltung stockt. Und stockt.

Es gibt diejenigen, die im Netz komplett aggro sind und offline totale Hascherl.

Und es gibt diejenigen, die einfach nicht zwischen den Zeilen lesen können oder die jedes Wort überinterpretieren. Ich habe „Smileyfastenwochen“ mitgemacht, um wieder etwas besser darauf zu achten, wie ich formuliere und dadurch auch festgestellt, wie oft wir inzwischen darauf angewiesen sind, einen Smiley zu setzen, um nicht pissig zu klingen.

Vielleicht kommt diese Erfahrung durch das über viele, viele Jahre hinweg äußerst aktive Schreiben in einem Forum, wo man noch sehr viel mehr Austausch und Diskussion hat als in einem Blog. Doch gleich, woher sie kommt, mir ist sehr bewusst, dass das Bild eines Menschen, das ich online präsentiert bekomme, eben wirklich nur ein Bild ist und niemals eine vollkommen dreidimensionale Version des Menschen dahinter – und das ist unabhängig davon, wie sehr sich der Mensch tatsächlich versucht zu inszenieren. Klar ist auch diese Inszenierung sehr unterschiedlich und bei einigen mehr, bei anderen weniger deutlich ausgeprägt, aber ich glaube, dass niemand von uns davon wirklich befreit ist. (Wie auch. Die wenigsten schreiben hier Stream of Consciousness.)

Vielleicht wäre es gut, wenn wir uns das alle mal wieder etwas regelmäßiger vor Augen führen würden: Das Bild, das uns präsentiert wird, ist eben nur ein Bild. Der Mensch dahinter ist sehr viel nuancierter, als uns Texte jemals zeigen könnten. UND: Menschen entwickeln sich weiter. Es gibt Texte im Netz von mir, die ich heute niemals mehr so schreiben würde. Auch das darf man nicht vergessen.

Die „perfekt“ inszenierte Familienidylle, die wir in Blogs und auf Instagram sehen? Nehmen wir sie als Inspiration für schöne Momente, Ausflugs- oder Essensideen, als Denkansatz, den wir für uns persönlich anpassen müssen. Nicht als Abziehbild, das es zu erreichen gilt – ebensowenig, wie hoffentlich den wenigsten einfallen würde, zu versuchen auszusehen wie das gephotoshoppte Model auf dem Hochglanzmagazincover. Und der Mensch dahinter ist immer nur das: ein Mensch. Mit Geheimnissen und Tiefen und dunklen und nervigen Seiten und außer ihr trefft diese Person regelmäßig persönlich, geht nicht davon aus, alle ihre Aspekte zu kennen.

2 Replies to “Unser Internetabziehbild”

  1. Und als Nachgedanke zum Ende: selbst wenn die Person offlineregelmäßig getroffen wird, dann würde ich auch nicht davon ausgehen, alle ihre Aspekte zu kennen.

    1. Absolut richtig.

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