Back to the basics – Morgenseiten schreiben

Each time you make an entry into your journal, you open another door into yourself.

– Lucia Capacchione, M.A., The Well-Being Journal

Ich weiß nicht mehr genau, wie alt ich war, als ich anfing, Tagebuch zu schreiben, vermutlich etwas um die 12 oder 13. Für mehrere Jahre schrieb ich fast täglich in meine verschiedenen Büchlein, immer per Hand. Meine ersten „großen Lieben“ fanden dort Aufnahme, die Schwierigkeiten mit meinen Eltern, die kleinen und großen Dramen im Freundeskreis, meine Unsicherheiten und Freuden und Träume. Es war irgendwie ‚in‘ ein Tagebuch zu führen und ich glaube, mehr als einmal schrieb ich mehr im Gedanken an einen potentiellen Leser als für mich selbst – aber bald nahm das Ganze ein Eigenleben an. Wenn ich heute in meine Tagebücher reinschaue, (ja, ich habe sie noch alle) dann schüttele ich oft den Kopf oder lächle über mich selbst, aber oftmals kommen auch Erinnerungen hoch. An bestimmte Momente, Tage, Erlebnisse, aber auch an Emotionen, daran, wie unfassbar unsicher ich damals war. Viele Ängste, die ich dort niedergeschrieben habe, sind heute noch sehr präsent oder unter der Oberfläche.

Manchmal schrieb ich wochen- oder monatelang nicht, aber immer kehrte ich zurück zu meinen Tagebüchern. Es war eine Art Selbstliebe, denn ich musste mich nicht verstellen, nichts vormachen. Und selbst wenn ich an einen potentiellen Leser dachte, war ich offen mit dem, was ich schrieb. Mein emotionales, zum Drama neigendes Teenager-Ich war überzeugt davon, dass genau das mir dann die „Liebe“ dieses potentiellen Lesers sichern würde. (Was in sich auch schon einiges aussagt…)

Ziemlich genau mit 18 hörte ich auf, Tagebuch zu schreiben. Stattdessen begann ich, mit meiner damals besten Freundin, ein Freundschaftsbuch zu schreiben. Wir schrieben einander, antworteten, ergänzten das durch kleine Fragen am Buchrand, die uns zum Nachdenken aufforderten. Wir schrieben in den folgenden drei, vier Jahren fünf oder sechs Notizbücher voll und schütteten uns gegenseitig das Herz aus, immer uns gegenseitig unserer ewigen und tiefgehenden Freundschaft versichernd. Als wir im Studium dann in vollkommen anderen Ecken der Bundesrepublik landeten, schlief das Ganze mangels Austauschmöglichkeiten ein – wenn wir miteinander reden wollten, telefonierten wir. Was folgte, war das Bloggen. Vieles von dem, was ich damals schrieb, würde ich heute niemals mehr öffentlich machen. Es war eben eine Weiterführung des Tagebuchschreibens und mit dem Konzept der Internetöffentlichkeit musste ich erst vertraut werden. Mit dieser wachsenden Vertrautheit änderte sich auch meine Art des Schreibens. Meine Blogs blieben immer relativ persönlich, aber ich suchte mehr und mehr sorgfältig heraus, was ich worüber schrieb. „Stream of consciousness“ war passé. Und das blieb es, für viele Jahre.

Bis ich vor zwei Wochen auf der Suche nach Bulletjournalinspirationen auf diesen Post von Shelby von Little Coffee Fox hier stieß, in dem sie über die Morgenseiten schwärmt.

Kurze Zusammenfassung: Die sogenannten „Morgenseiten“ stammen aus dem Buch „Der Weg des Künstlers“ von Julia Cameron* und sind eine der Hauptaufgaben, die sie Menschen gibt, die ihre Kreativität (wieder)entdecken wollen: jeden Morgen drei Seiten handschriftlich schreiben. Egal über was. Drei Seiten. Über die Träume der letzten Nacht, die Pläne des Tages, Gedanken, Auskotzen über Chef / Partner / Nachbarn / Kinder, Liebeserklärungen – egal, was. Niemand außer dir selbst darf dieses Geschriebene lesen, und zumindest die ersten acht Wochen soll man es selbst auch nicht tun. Nicht urteilen, nicht planen, nicht zensieren was du schreibst – einfach schreiben. Jeden Morgen.

Nun ist mir das Konzept des intuitiven Schreibens nicht neu, aber irgendwas sprach mich an. Vielleicht das konkrete „drei Seiten am Tag“, was übersichtlich erscheint: Vielleicht ist es auch einfach nur der Zeitpunkt, der stimmt. Jedenfalls beschloss ich, das Ganzen mal zu versuchen.

Inzwischen schreibe ich seit über einer Woche wirklich jeden Morgen meine drei Seiten. Ich habe dafür zum ersten Mal seit Jahren wieder einen Füller in der Hand und genieße es für mich erstaunlich stark, mich morgens mit meinem Kaffee hinzusetzen, eine Kerze anzuzünden und vor mich hinzuschreiben. Ich amüsiere mich über die Tintenflecke auf meinem Finger, die ich seit meiner Schulzeit irgendwie vergessen habe, ich beobachte, wie sich, je nach Stimmung über was ich schreibe, meine Handschrift leicht verändert und versuche auch, meine Handschrift wieder etwas zu üben, leserlicher zu machen. Ich genieße die schlichte Tätigkeit, Tinte auf Papier zu bringen, ich genieße die ca. 20 Minuten, die ich einfach MIR gönne.

Und auch wenn ich vor dem Schreiben noch keine Ahnung habe, was ich schreiben soll, irgendwie werden die drei Seiten trotzdem voll. Ich versuche, mich nicht von meiner inneren Layouterin und Schriftstellerin zum „Textstrukturieren“ verleiten zu lassen, mache Gedankensprünge und schreibe über Nichtigkeiten – und auch, wenn ich tatsächlich nicht nachlese, merke ich jetzt bereits ein paar Gedankengänge, die sich wieder und wieder in mein Schreiben reinschleichen. Wünsche, die ich ausformuliere. Kleine Pläne, die ich mache. Und meine „Anpackstimmung“ hält sich.

Ich weiß nicht, ob sich das „die Morgenseiten sind heilend“ wirklich bewahrheiten wird, ob es mir tatsächlich helfen wird, etwas zu ändern, zu tun oder einfach „nur“, ein positiveres Bild von mir selbst zu haben. Sowohl Shelby als auch Julia Cameron (und andere, die über das Schreiben dieser Morgenseiten berichten) behaupten, dass das passieren wird – weil man die kleinen negativen Stimmen, die jeder von uns hat, quasi in das Papier bannt. Sie loslässt, sie aus dem Kopf lässt. Aber selbst wenn nicht, für den Moment genügen mir die kleinen positiven Aspekte, die sie haben: ein Ruhepunkt am Morgen, eine Konzentration auf mich selbst, das Üben des Schreibens. Ich bin gespannt, wie lange es sich hält und wohin es mich führt.

 


* Ich habe mir das Buch per kostenlosem Probemonat bei Audible angehört und fand es in seiner christlich-religiösen Art primär anstrengend, aber zwischendrin sagt sie ein paar kluge Dinge. Wenn man es schafft, ihr Gewäsch vom „Schöpfer“ und der „Verpflichtung zur Kreativität“ und ähnlichem Scheiß zu überhören, kann man ein paar schöne Dinge rausziehen.

One Reply to “Back to the basics – Morgenseiten schreiben”

  1. […] Mit warmen Waffeln und Tee und Stulpen und Kuschelbedürfnis. Vielleicht deshalb auch die erhöhte Introspektive und kreative Output, not that I mind […]

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