Unzeit

Der Jahresbeginn löst in mir oft eine grundlegende Unruhe aus, zeitgleich mit einem Bedürfnis nach Frühling. So kurz nach der Wintersonnwende ist mein Lichtbedürfnis besonders groß, Januar und Februar verwaschen in meinem Kopf in einem unruhigen Blassgrau; die „Unmonate“ des Jahres bevor mit dem März die ersten wirklichen grünen Flecken auftauchen und alles wieder erwacht. Es sind die Wochen, die ich einerseits weghibbele, andererseits müde beobachte; erschöpft vom Jahr davor, noch nicht ganz bereit etwas anzupacken aber immerhin schon willens etwas vorzubereiten.

Dieses Jahr beginnt mit Abschied. Von geliebten Kollegen, vertrauten Mustern und lange getretenen Pfaden. Von langen Autofahrten und von einem bekannten Trott. Im Mai 2011 kam ich in die Firma mit all ihren Hochs und Tiefs. Lange war für mich die Entfernung (75km auf kürzester Strecke und damit eine Stunde Fahrt pro Strecke) der einzige Grund, weshalb ich schon von Beginn trotzdem immer mal wieder die Augen nach anderem offen hielt, dann kamen Führungswechsel und Kündigungen und Fehlentscheidungen und abgelehnte Schulungen und Forderungen und Mobbing. Wachsende Unzufriedenheit nach meiner Rückkehr aus der 20-monatigen Elternzeit – aber auch dauerhaft das Bewusstsein, dass die Firma viele soziale Dinge bietet, die für mich normal geworden sind, die ich anderswo nicht erwarten kann. Es war ein langes Abwägen, was ich tun soll.

Letztlich war es eine konkrete Person, die meine Kündigung für mich unabdingbar machte, die meinen Arbeitsalltag derart negativ bestimmte, dass für mich klar war: wenn ich bis Sommer 2018 keine neue Stelle habe, kündige ich in die Arbeitslosigkeit. Das bin ich mir selbst und meiner psychischen Gesundheit schuldig. Ich hatte Glück, ich habe eine neue Stelle, die ich zu Februar antrete: in Fußreichweite, mit zwar mehr Stunden aber auch mehr Gehalt.

Unruhe bleibt trotzdem. Der Sprung ins Ungewisse. Ich weiß nicht, ob ich den neuen Verantwortungen gewachsen bin, die Forderungen erfüllen kann, wie wohl ich mich fühlen werde. Jede derartige Veränderung war für mich bislang mit großen Ängsten verbunden – außer ich kannte bereits jemanden. Neue Situationen dieser Art lassen das Monster UNSICHERHEIT in mir immer groß werden, sehr groß und sehr laut.

„Das wird bestimmt super!“, sag ich mir, sagen mir andere.

„Klar wird das super, du rockst das, du bist doch gut!“

Oft wünschte ich, ich wäre meiner Fähigkeiten so sicher wie andere ihrer sicher sind. Was hinter der Fassade steckt, sehe halt nur ich. Impostor Syndrom Deluxe.

Aber neben der Unsicherheit gibt es auch Überlegungen und Planungen und Gedanken, die seit Jahren wieder und wieder zu gleichen Punkten zurückkommen, und die langsam Form annehmen wollen. Vielleicht werde ich deshalb noch eine berufsbegleitende Weiterbildung machen, die etwas, das ich wahnsinnig gerne tue, einen „offizielleren“ Charakter geben würde. Ich will noch nicht zu viel sagen, noch ist nichts in trockenen Tüchern und meine Gedanken müssen noch etwas kreisen und besprochen werden. Und der Februar muss umgehen, erste Eindrücke gewonnen werden, ein neuer Alltag normal werden. Das Warten darauf ist bestimmt schlimmer als die Erfahrung selbst – im Moment zumindest zieht sich mir die Kehle zu, wenn ich daran denke. Krone richten, aufrecht stehen, los geht’s, oder wie war das?

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