Geborgen wachsen – eine Rezension

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Seit einigen Monaten lese ich fleißig und mit viel Freude den Blog Geborgen wachsen von Susanne Mierau und fragte mich die ganze Zeit, warum ich den nicht schon viel früher entdeckt habe. Passend zur Geburt ihres Babysohnes und kurz vor meinem Geburtstag (so konnte ich einen geschenkten Gutschein direkt einsetzen) kam im März dann das „Buch zum Blog“ heraus, in dem das große Thema ihres Blogs, bindungsorientiertes Heranwachsen von Kindern, noch einmal „geballt“ betrachtet wird.

Bindungsorientiertes Heranwachsen von Kindern bedeutet im Endeffekt nichts anderes, als dass man die familiären Bedürfnisse achtsam und im Dialog miteinander (inklusive der Kinder) wahrnimmt und erfüllt und somit ein möglichst enges und liebevolles Miteinander als Familie schafft.

Von den ersten Kontaktaufnahmen mit dem ungeborenen Kind im Bauch bis hin zum Meistern des Alltags geht Susanne Mierau darauf ein, was dieses enge und liebevolle Miteinander beinhalten und bedeuten kann. Und ich sage hier ganz bewusst „kann“, denn einer der enormen und phantastischen Pluspunkte des Buchs ist, dass es vollkommen ohne Dogmen auskommt. Man merkt zwar, dass sie bestimmte Dinge bevorzugt (diese nennt sie auch sehr deutlich; am Ende auch anhand einer kurzen Beschreibung, was das bindungsorientierte Miteinander in ihrer Familie beinhaltet), aber sie betont bei jedem Thema, dass jede Konstellation und Herangehensweise an das Familiendasein bindungsorientiert möglich ist.

Seien es die Kontroversen beim Thema Geburt (Krankenhaus oder Hausgeburt, natürliche Geburt oder Kaiserschnitt), Stillen und Zufüttern (Ja oder Nein, Flaschenkind, Breikost oder nicht), Wickeln (Stoff- oder Wegwerfwindeln oder windelfrei) oder „Mobil im Alltag“ (Tragen oder nicht), immer werden die verschiedenen Alternativen größtenteils wertfrei aufgeführt und auch betrachtet, wie in diesen eine optimale Bindung aufgebaut werden kann. Dadurch räumt Susanne Mierau in ihrem Buch mit jeglichen „Vorgaben“ und „nur so ist es richtig“ auf und zeigt wieder und wieder, dass es keinen „einzig richtigen“ Weg gibt. Vielmehr ermutigt sie, in jeder Situation den Weg zu finden, der für einen selbst, die eigene Familie und die eigenen Kinder der richtige ist.

Es sind solche Kleinigkeiten, die das Buch sehr lesens- und liebenswert machen. Ein persönlicher Moment, in dem ich innerlich applaudierte, war, wie sie recht am Anfang in einem Nebensatz gleichgeschlechtliche Paare nennt und so deutlich macht, dass alles, was sie schreibt, für jede Familie gilt, auch wenn meist von „Mutter und Vater“ der Rede ist. Etwas, das auch heute bei Weitem keine Selbstverständlichkeit ist.

Auch das Thema „Körpergefühl“, das im Kapitel „Körperpflege – eine Zeit des Miteinanders“ behandelt wird, hat bei mir nachdrückliches Nicken hervorgerufen. Hier wäre in meinen Augen eine Möglichkeit für eine etwas ausholendere Ausführung des Themas gewesen, das die folgenden Sätze noch etwas weiterführend betrachtet:

Denn zunächst können wir uns fragen, was wir unserem Kind mitteilen, wenn wir so negativ und angeekelt mit seinen Körperausscheidungen und dem kindlichen Genitalbereich umgehen.

[…]

Was wir unseren Kindern von Anfang an am besten über ihren Körper mitteilen sollten, ist, dass es ihn zu achten und wertzuschätzen gilt. Den ganzen Körper – und nicht nur bestimmte Teile davon.

„Geborgen wachsen“, S.105

Diese unsagbar wichtigen Punkte haben natürlich noch weitreichendere Auswirkungen als die auf den Umgang mit Körperausscheidungen und Toilettengang, die hier aber unberührt bleiben. Im Gesamtbild des Buches ist es letztendlich nichtsdestoweniger sehr passend und hätte vermutlich den Rahmen auch etwas gesprengt.

Der Klappentext spricht davon, dass in dem Buch erklärt wird, „mit welcher Grundhaltung [… ein] innige[s] Gefühl der Geborgenheit innerhalb der Familie“ gelingen kann und das kann ich nur voll und ganz bestätigen. Mit vielen (und nicht zu vielen) Fußnoten und Verweisen gespickt und begründet wird genau eine solche Grundhaltung entworfen und dabei direkt mit Vorwürfen des „Verziehens“ (im Grunde auch des „Erziehens“) oder „Verwöhnens“, aber auch mit dem Irrglauben, bindungsorientierte Familien hätten keine Grenzen oder Regeln, aufgeräumt. Gleichzeitig weist Susanne Mierau auch daraufhin, dass bei aller Liebe und Notwendigkeit zur Nähe und Bindung zu den Kindern nicht der Fehler gemacht werden darf, es zu übertreiben und aus einer bindungsorientierten Nähe eine emotional-missbräuchliche Bindungsbeziehung werden zu lassen.  Dies passiert, wenn bei aller Nähe das Autonomiebedürfnis der Kinder übersehen oder ignoriert wird. Stichwort ist hier das fast schon abgenutzten aber oh-so-treffenden „Wurzeln und Flügel“-Sprichwort.

Zwei Dinge sollen Kinder von ihren Eltern bekommen: Wurzeln und Flügel.

Auch das Dasein als einzelne Person und als Paar bekommt einige Worte ab, ebenso wie die Beziehung als Familie zu anderen Bindungspersonen und rundet das Familienbild damit wunderbar auch außerhalb der Konzentration auf das Kindsbedürfnis ab.

Alles in allem kann ich das Buch voll und ganz empfehlen – sowohl für erst werdende Eltern, als auch für schon etwas länger bestehende Familien. Ein definitiv gelungenes Buch, das mir in jedem Aspekt nochmal neue Impulse gegeben hat.

Ein Kommentar bei „Geborgen wachsen – eine Rezension“

  1. […] ich bereits einen sehr liebevollen, nahen Umgang mit den Jungs haben, aber trotzdem konnte ich aus Geborgen Wachsen noch viele schöne und gute (Denk-)Ansätze […]

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