Schreiben oder Nicht Schreiben – das ist die Frage

So richtig wurde nichts aus meiner Ankündigung, wieder mehr Schreiblust zu verspüren. Ganz im Gegenteil habe ich in letzter Zeit sogar vermehrt darüber nachgedacht, diesen Blog ganz stillzulegen. Denn auch wenn ich in den letzten zwölf Jahren immer wieder gerne zurückgeschaut habe auf das, was ich getan, empfunden und erlebt habe (und oft mit Kopfschütteln…), habe ich derzeit nicht das Gefühl, dass es für mich noch funktioniert, das in dieser Form hier niederzuschreiben.

Ich glaube, dass dies verschiedene Ursachen hat. Eine davon ist tatsächlich die weltpolitische Lage. Was nicht mit Trumps Wahl begonn, aber schlimmer gemacht wurde, steigert sich derzeit in Höhen, die mir Angst machen, für mich und meine Kinder. Ja, ich sehe die vielen guten Sachen auch, die allenorten geschehen, aber grundsätzlich fällt es mir schwer, mir mein und unser Leben in 50 Jahren vorzustellen. Zu viele extreme Variablen spielen da derzeit eine Rolle. Ich möchte informiert bleiben, aber ganz oft habe ich insbesondere abends, wenn ich dann zum Bloggen kommen könnte, ein großes Bedürfnis nach Eskapismus. Es erscheint mir dann fast frivol, etwas belangloses hier aufzuschreiben, was in meinem Alltag geschieht. Stattdessen fliehe ich mich in virtuelle und phantastische Welten, spiele oder schreibe, tauche ein und schaffe Kunst und tausche mich über diese nicht-realen Dinge aus. Ich brauche das in diesen Zeiten, dass ich mich nicht dauerhaft aufregen, empören und kämpfen kann. (Erwiesenermaßen auch wichtig, sich nicht emotional vollständig aufzubrauchen, deshalb hab ich da auch kein schlechtes Gewissen.)

Und dann kommt da der andere Punkt. Denn: ich könnte hier wirklich nur Banalitäten aufschreiben. Es geht mir gut. Ich bin seit Februar in einem neuen Job, der sinnvoll und größtenteils ganz cool ist, der mir aber vor allem ermöglichte, seit November schuldenfrei zu sein (insert little dance of joy here). Unsere Familienplanung ist abgeschlossen, wir sind gesund (physisch wie mental), wir mögen unseren Kindergarten und haben ein tolles und offenes Verhältnis zu den Erzieherinnen. Ich war berufsbedingt viel unterwegs, wir hatten einen tollen Urlaub in Dänemark, unser Sommerfest war super. Ich habe es geschafft, mir Auszeiten zu nehmen, wir waren zweimal ein ganzes Wochenende lang tanzen, einer unser besten Freunde hat geheiratet. Die Kinder entwickeln sich großartig, sind riesig und bereiten sich so langsam darauf vor, kommendes Jahr (vermutlich) in die Schule zu kommen. Sie kommen auch in ein Alter, bei dem ich nicht mehr allzu viel über sie erzählen möchte. Dafür bleibt meine Spiritualität komplett auf der Strecke. Was bleibt also? „Heute war ein guter Tag im Büro, weil alles glatt lief, danach gab es Abendessen und wir lesen grad nochmal Unendliche Geschichte, dann noch ne Runde DOS2 und ich hab die letzte Woche 2000 Worte für meine Fanfic geschrieben.“ That’s about it.

Abgesehen davon, dass ich das nicht sonderlich spannend finde, habe ich auch nicht das Gefühl, dass das für andere interessant ist. Ich bin nicht daran interessiert, diesen Blog zu einem Nebeneinkommen zu machen – dafür müsste ich viel zu viel von meinem Leben offenlegen, was ich nicht will. Und oftmals bekomme ich auch den Eindruck, dass sich… hm, gern und viel über alles aufgeregt wird?

Meine Timeline auf Twitter ermüdet mich derzeit diesbezüglich tatsächlich ziemlich, denn gefühlt wird alles zerrupft und nur noch Dinge gepostet und geteilt, über die man sich bitte auch noch aufregen und sich engagieren müsste. Ich ertrage nicht noch einen Hashtag, in dem Leute ihre schrecklichen Erlebnisse teilen.

Nicht falsch verstehen: sozialer Aktivismus ist unfassbar wichtig und jedes einzelne dieser Dinge, auf die aufmerksam gemacht wird, muss geändert werden. Wir brauchen eine inklusivere Familienpolitik, die sich besser und Alleinerziehende kümmert. Wir brauchen etwas, das gegen Familien- und Kinderarmut hilft. Wir brauchen bessere Hilfen für Familien mit Kindern mit Beeinträchtigungen, wir müssen weiterhin für eine offenere, inklusivere Gesellschaft kämpfen, die Menschen nicht in ein Geschlecht oder eine sexuelle Orientierung drängt. Wir brauchen Feminismus und klare Worte und Taten gegen Sexismus, sexualisierte Gewalt und Rassismus. Ich weiß das. Und wo ich kann, setze ich mich auch sehr intensiv dafür ein. Aber ich schaffe es nicht, mich dauerhaft und überall zu engagieren und wenn es nur durch „informiert und empört bleiben“ ist. 2018 war so dermaßen lang (Black Panther war dieses Jahr?!), dass ich es seit einiger Zeit schon ermüdend finde, über primär diese Dinge zu stolpern. Es geht nicht, dass ich mich, wie teilweise gefordert wird, dauerhaft mit Sachen auseinandersetze, die mir unangenehm sind, weil ich dabei was lerne. Und das neben dem weltpolitischen Gebilde mit Trump und Brasilien und Türkei und Österreich und AfD und der Klimaproblematik. Es geht nicht.

Hier lese ich, wie sich über den Blog einer Alleinerziehenden aufgeregt wird, weil es ihr gut geht und sie nicht dauerhaft auf die Probleme aufmerksam macht, die das sich allein um Kinder zu kümmern mit sich bringt. Dort, wie lautstark gemeckert wird, weil eine Umfrage zwar inklusiv aber nicht inklusiv genug ist. Schritte in die richtige Richtung werden niedergebrüllt, weil sie nicht weit genug gehen.

Es wird ein Bild gemalt, das eine Welt voller Schrecken und Grausamkeiten und Brutalität in jedem verdammten Aspekt zeigt und vollkommen ignoriert, wo mal was gut läuft. Ich verstehe, dass man bei NARF mehr Bedürfnis hat, das zu teilen und es ist auch gut und wichtig, dass das geschieht. In diesen Zeiten braucht man den Zuspruch, den man dadurch bekommt. Und es braucht auch diejenigen, die auf „nicht genug“ hinweisen.

Ich kann es nur grad nicht. Meine emotionalen Kapazitäten sind erschöpft. Und ich kenne mich (und meine mentale Gesundheit) gut genug, um zu merken, wann ich aufpassen muss.

Vielleicht wäre es genau dann gut, einen Gegenpol aufzubauen, der einfach von den Dingen erzählt, die in einem 0815-Leben gut laufen (können), aber wie gesagt. Nachher ist es mein Blog, über den sich geärgert wird, weil er nicht politisch genug ist oder einfach generell nicht genug ist. Und dem möchte ich mich auch nicht aussetzen. Ich weiß es nicht. Für den Moment bleibt der Blog noch bestehen, aber ich kann grad wirklich nicht sagen, ob er das kommende Jahr auch noch überlebt.

Wie geht es euch? Warum bloggt ihr noch, warum lest ihr Blogs?

3 Kommentare bei „Schreiben oder Nicht Schreiben – das ist die Frage“

  1. Ich verstehe das gut.
    Es ist mitunter auch einer der Gründe warum ich aufgehört habe zu bloggen, vor einer ganzen Weile schon. Dieses Gefühl von „Ich hab nur recht banale Dinge zu erzählen“ und dann kombiniert mit dem schlechten Gefühl, sich nicht genug über Dinge aufzuregen um sie zum Dauerthema zu machen. Ich kann mir das alleine aus Gründen von geistiger Gesundheit schon nicht leisten.

    Ich muss dazu aber auch sagen: Ich lese auch quasi keine Blogs mehr – aus den genau gleichen Gründen. Weil das dauerhafte auf 180 sein von Autoren mental und körperlich anstrengend ist für mich, auch wenn es 100% gerechtfertigt und notwendig ist. Und weil ich, wenn ich ehrlich bin, mich auch nicht die Bohne für den 08/15 Alltag von Leuten interessiere, die ich kaum kenne.
    Da baut sich meinem Gefühl nach immer ein völlig unausbalanciertes Gefühl des „wir kennen uns“ auf, dass nur vom Leser ausgeht und das ist einfach nicht meins. Zudem bin ich viel zu sehr mit mir selber beschäftigt, u.U. mit meinem Freundeskreis, als das ich da Kapazitäten frei hätte. Und die Leute, die mir nahe stehen und von denen ich dann Alltag auch hören will erzählen es mir im Normalfall direkt

    Ich schreibe gerne ab und an was, aber aus den oben genannten Gründen dann halt eher bei den Nerdgirls themenspezifisch als privat.

  2. ich verstehe das auch gut. Mein Blog ist ja auch nicht wirklich aktiv. Es war und ist weiterhin eine Möglichkeit meine Familie ein bisschen auf dem Laufenden zu halten. Und dann ein paar Dinge zu zeigen, die ich so gemacht habe. Das Transthema ist ja neu. Das ist eine der Sachen, wo ich mir dachte, dass es vielleicht doch interessant ist für andere zu lesen. Vor allem, weil es nicht nur negativ ist. Aber wie bei dir ist es auch so ein: es gibt nicht viel zu berichten, wenn es gut läuft und wie viel aus dem Privatleben kann und will ich preisgeben. Der politische Trend ist auch eine ordentliche Bremse.

  3. Ja, das geht mir teilweise genauso. Also nicht bezüglich des Blogs, weil meins ja eh schon immer halb tot war. Ich lese zwar einige Blogs, aber meist rein „technische“, also Rezepte, Nähanleitungen, Kreativkram. Ich habe im Moment auch sehr das Gefühl, der Erwartungshaltung, sich überall rein zu hängen, sich über alles zu empören, nicht mehr gewachsen zu sein. Wenn ich auf Twitter bin, lese und teile ich solche Dinge durchaus, aber oft mache ich auch Pause. Dann lese ich entweder gar nicht mehr bei Twitter, oder ich mute einen großen Teil der Accounts für eine Woche, um mal wieder durchatmen zu können. Privat läuft bei mir grad auch nicht viel rund, daher muss ich um so mehr schauen, mich nicht auch noch damit zu belasten. Es fühlt sich falsch an, so als würde ich den Kopf in den Sand stecken. Auch wenn ich weiß, dass ich nicht allein dafür verantwortlich bin, die Welt zu retten, ist es manchmal schwierig, sich die Distanz, das Fliehen in Fantasiewelten, ohne schlechtes Gewissen zu erlauben.

    Hier zu schreiben, sollte dir irgendwie gut tun. Wenn es das nicht tut, würde ich es lassen. Wenn du Sorge hast, Ziel von Angriffen zu werden und dir das Schreiben nicht so wichtig ist, das Risiko in Kauf zu nehmen, dann würde ich aufhören. Gerade in solchen Zeiten ist es denke ich wichtig, die Stressfaktoren zu beeinflussen, die man überhaupt noch beeinflussen kann. Auch wenn das vielleicht nicht immer angenehm ist.

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